Als ich meinen Blogartikel zum Dry Needling bei Kieferproblemen schrieb, ging ich davon aus, dass Ohrgeräusche darin nur eine Nebenrolle spielen würden. Relativ schell wurde jedoch klar, dass dieses Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit verdient.
Manche Patientinnen und Patienten, die sich eigentlich wegen eines störenden Ohrgeräuschs in meiner Praxis vorstellen, sind sich gar nicht bewusst, dass gleichzeitig ein Problem mit dem Kiefergelenk besteht. Andere wiederum haben die Diagnose CMD bereits vor Jahren erhalten und beschreiben den Tinnitus als das Symptom, dass ihre Lebensqualität am stärksten beeinträchtigt und bei dem sie sich am meisten Linderung erhoffen.
Das Wichtigste fast vorweg: Tinnitus ist keine eigenständige Erkrankung und in den allermeisten Fällen liegt ihm auch keine akute gefährliche Ursache zugrunde. Wenn du jedoch bestimmte Begleiterscheinungen wie
- Pulsieren
- (einseitigen) Hörverlust
- Schwindel, Gefühlsstörungen oder Muskelschwäche
wahrnimmst, oder das Geräusch nach einem Knall oder in einer lauten Umgebung aufgetreten ist, lasse es zügig ärztlich abklären, z. B. hier.
Tinnitus – was ist das überhaupt?
Ein pfeifendes, brummendes oder rauschendes Ohrgeräusch, für das es keine äußere Schallquelle gibt, wird Tinnitus genannt. Und es ist nicht gerade selten: Etwa 10-15% der Erwachsenen erleben im Laufe ihres Lebens einen dauerhaften oder wiederkehrenden Tinnitus (1). Er betrifft Millionen Menschen, darunter auch mich. Und während viele Betroffene lernen, mit dem Ohrgeräusch zu leben, suchen andere gezielt nach Ursachen und effektiven Therapien, was mitunter eine Menge Detektivarbeit und Ausdauer erfordert.
Tinnitus ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen. Diese liegen entweder im Ohr selbst (z. B. bei Hörverlust, nach einem Knalltrauma oder bei Erkrankungen des Innenohrs) oder sind eher systemischer Natur wie Depressionen und Angststörungen, Stress, Schlafmangel oder bestimmte Medikamente (1).
Andererseits – und hier kommen wir zum Kern dieses Artikels – können Funktionsstörungen der Halswirbelsäule, Probleme mit dem Kiefergelenk (CMD) und muskuläre Triggerpunkte an der Entstehung von Ohrgeräuschen beteiligt sein oder diese verstärken (2, 3). (Wer meinen Artikel zum Dry Needling bei Migräne gelesen hat, kann hier erste Parallelen erkennen.)
Muskeln und Gelenke können das Ohr beeinflussen
Gerade bei körperlich aktiven und beruflich stark geforderten Menschen zeigt sich eine Sonderform des Tinnitus überdurchschnittlich häufig: der somatosensorische (aus der Tiefenwahrnehmung des Körpers entspringende) Tinnitus – ausgelöst oder verstärkt durch Nacken- und Kieferstrukturen (2, 3).
Bei diesem lässt sich das Geräusch durch willkürliche Kopf- oder Nackenbewegungen, Zähnepressen, Kieferöffnen und Druck auf die Muskeln verändern. Und das ist kein Zufall: Spezielle Nervenfasern aus der Halswirbelsäule und dem Nacken, die Informationen über Muskelspannung, Körperhaltung und Bewegungen aus dem Körper weiterleiten, stehen in enger Verbindung mit den Hörzentren im Gehirn. Diese Nerven können dort beeinflussen, wie Hörsignale verarbeitet werden, indem sie Teile des Hörzentrums irritieren. Verspannungen oder Bewegungseinschränkungen in der Halswirbelsäule oder dem Kiefer können so bei manchen Menschen Ohrgeräusche verstärken und verändern (4, 5). Das bedeutet: Der Tinnitus entsteht bei diesen Patienten also nicht primär im Ohr, sondern entspringt Fehlreizen aus Muskeln, Gelenken und Faszien.
Hier kann Dry Needling ansetzen und anders als bei vielen alternativen Ansätzen gibt es dafür inzwischen klinische Studien, neurologische Erklärungen und klare Leitlinienempfehlungen.
CMD und Tinnitus: ein enger Zusammenhang
Eine große klinische Untersuchung aus Belgien (6) zeigt, das Störungen des Kiefergelenkes (CMD, temporomandibuläre Dysfunktion) eng mit dem Tinnitus verknüpft sind. Menschen mit Kieferknacken, Zähneknirschen und -pressen (Bruxismus), Gesichts- und Spannungskopfschmerz haben deutlich häufiger Ohrgeräusche. Und diese lassen sich oft wie beschrieben durch Kieferbewegungen und Muskelspannung beeinflussen – ein klares Indiz für ein Ohrgeräusch, für das es eine messbare und physiologisch begründete Therapieperspektive gibt, die weit über bloße „Entspannung“ hinausgeht.
Für die Praxis heißt das: Wer Tinnitus hat, sollte auch Nacken und Kiefer untersuchen lassen. Nicht selten steht eine unbemerkte Problematik des Kiefers hinter dem vordergründigen Rauschen im Ohr.
Empfehlung für die Triggerpunktbehandlung
Leitlinien sind so etwas wie der Kompass der Medizin: Fachgesellschaften werten Studien aus und formulieren daraus Empfehlungen, welche Therapien helfen können – und welche eher nicht. Die medizinische Leitlinie zum chronischen Tinnitus ist hier fast eindeutig: Neben physiotherapeutischen und manuellen Ansätzen (wie Osteopathie) wird die gezielte Therapie muskulärer Triggerpunkte, unter die auch das Dry Needling fällt, explizit empfohlen (7). Voraussetzung ist, der Tinnitus kann über Muskelspannungen, Halswirbelsäulen- und Kieferbewegungen beeinflusst werden kann. Dry Needling ist hier besonders interessant, da es präzise und effektiv jene Triggerpunkte der Nacken- und Kaumuskulatur adressiert, die über die Nerven weitreichende Effekte auf die Ohrgeräusche und das Kiefergelenk haben können (8).
In einer größeren Untersuchung (9) mit über 70 Betroffenen wurde geprüft, ob die gezielte Behandlung verspannter Muskeln im Kopf- und Nackenbereich helfen kann, Ohrgeräusche zu lindern. Eine Gruppe erhielt eine echte Behandlung, die andere nur ein Placebo. Das Ergebnis: Bei den Menschen mit echter Muskelbehandlung nahmen sowohl Schmerzen als auch das Ohrgeräusch deutlich ab. War eine Seite des Nackens besonders verspannt und schmerzhaft, war oft auch der Tinnitus auf dieser Seite stärker ausgeprägt. Genau diese Patienten profitierten besonders von der Behandlung. Gezielte Behandlungen der Muskulatur machen Sinn.
Und sonst?
Die aktuelle Studienlage zu echtem Dry Needling speziell bei Tinnitus ist noch überschaubar, drei Arbeiten stechen aber hervor, weil sie unterschiedliche Ebenen beleuchten: klinische Wirksamkeit, Langzeitverlauf und nervliche Zusammenhänge.
Besser als Placebo: Dry Needling bei somatosensorischem Tinnitus
Campagna und ihre Kolleginnen (10) gaben 16 Patienten sowohl echtes als auch Schein-Dry-Needling. Vier Behandlungen mit echtem Dry Needling verringerten die emotionale Belastung durch den Tinnitus und auch die Wahrnehmung des Tinnitus hatte deutlich abgenommen. Diese Studie zeigt erstmals, dass Dry Needling bei somatosensorischem Tinnitus mehr bewirken kann, als eine Placebo-Behandlung.
Nachhaltige Verbesserungen sind möglich
Ein vielzitierter Fallbericht (11) beschreibt einen Patienten, bei dessen Tinnitus-Therapie Dry Needling der Halsmuskulatur im Mittelpunkt stand. Nach Abschluss der Behandlung kam es zu einer bedeutsamen Reduktion der Ohrgeräusche, die noch bei der Nachkontrolle ein Jahr später stabil geblieben waren. Als Einzelfall kann man aus diesem Bericht natürlich keine generellen Erfolgsquoten ableiten. Allerdings zeigt er, dass selbst chronische Verläufe noch nachhaltig positiv beeinflusst werden können.
Muskulatur als Ansatzpunkt
Keinen Wirksamkeitsnachweis im engeren Sinn, aber eine Bekräftigung des theoretischen Grundlage, auf der triggerpunktbasierte Ansätze wie das Dry Needling beruhen, liefert die Untersuchung von Patienten mit pulsierendem Tinnitus, bei denen keine Gefäßursache gefunden wurde. Auch sie konnten das Ohrgeräusch durch gezielte Manöver der Kopf- und Nackenmuskulatur verändern oder unterdrücken. In manchen Fällen verschwand der pulsierende Tinnitus nach Behandlung der Muskulatur, unter anderem durch Dry Needling (12).
Fazit
Dry Needling ist kein Allheilmittel für jede Form von Tinnitus und sollte nach Möglichkeit nicht als alleinige Maßnahme unternommen werden. Doch insbesondere wenn Schulter- und Nackenmuskulatur und CMD mit beteiligt sind, sprechen kontrollierte Daten, Langzeitbeobachtungen und etablierte medizinische Erklärungsmodelle dafür, dass eine gezielte Dry Needling-Behandlung die Belastung durch den Tinnitus spürbar reduzieren kann. Und dies auch, wenn das Ohrgeräusch schon lange Zeit besteht.
Heiko
Dry Needling Berlin
Quellen:
1. Baguley D, McFerran D, Hall D. Tinnitus. Lancet. 2013;382(9904):1600–1607. doi: 10.1016/S0140-6736(13)60142-7.
2. Hiller W, Janca A, Burke KC. Association between tinnitus and somatoform disorders. J Psychosom Res. 1997;43(6):613–624. doi: 10.1016/ s0022-3999(97)00188-8.
3. Pinchoff RJ, Burkard RF, Salvi RJ, Coad ML, Lockwood AH. Modulation of tinnitus by voluntary jaw movements. Am J Otol. 1998;19(6):785–789.
4. Shore S, Zhou J, Koehler S. Neural mechanisms underlying somatic tinnitus. Prog Brain Res. 2007;166:107-23. doi: 10.1016/S0079-6123(07)66010-5. PMID: 17956776; PMCID: PMC2566901.
5. Michiels S. Somatosensory Tinnitus: Recent Developments in Diagnosis and Treatment. J Assoc Res Otolaryngol. 2023 Oct;24(5):465-472. doi: 10.1007/ s10162-023-00912-3. Epub 2023 Oct 4. PMID: 37794291; PMCID: PMC10695899.
6. Michiels S, van der Wal AC, Nieste E, Van de Heyning P, Braem M, Visscher C, Topsakal V, Gilles A, Jacquemin L, Hesters M, De Hertogh W. Conservative therapy for the treatment of patients with somatic tinnitus attributed to temporomandibular dysfunction: study protocol of a randomised controlled trial. Trials. 2018 Oct 12;19(1):554. doi: 10.1186/ s13063-018-2903-1. PMID: 30314506; PMCID: PMC6186065.
7. AWMF Leitlinie 017-064, https://register.awmf.org/assets/guidelines/ 017-064l_S3_Chronischer_Tinnitus_2021-09_1.pdf (Zugriff: 30.1.2026)
8. Fernández-de-Las-Peñas C, Galán-Del-Río F, Alonso-Blanco C, Jiménez- García R, Arendt-Nielsen L, Svensson P. Referred pain from muscle trigger points in the masticatory and neck-shoulder musculature in women with temporomandibular disoders. J Pain. 2010 Dec;11(12):1295-304. doi: 10.1016/j.jpain.2010.03.005. Epub 2010 May 21. PMID: 20494623.
9. Rocha CB, Sanchez TG. Efficacy of myofascial trigger point deactivation for tinnitus control. Braz J Otorhinolaryngol. 2012 Dec;78(6):21-6. doi: 10.5935/1808-8694.20120028. PMID: 23306563; PMCID: PMC9446353.
10. Campagna CA, Anauate J, Vasconœlos LGE, Oiticica J. Effectiveness of Dry Needling in Bothersome Chronic Tinnitus in Patients with Myofascial Trigger Points. Int Arch Otorhinolaryngol. 2021 Aug 30;26(2):e233-e242. doi: 10.1055/s-0041-1730429. PMID: 35602278; PMCID: PMC9122774.
11. Womack A, Butts R, Dunning J. Dry needling as a novel intervention for cervicogenic somatosensory tinnitus: a case study. Physiother Theory Pract. 2022 Sep;38(9):1319-1327. doi: 10.1080/09593985.2020.1825579. Epub 2020 Oct 1. PMID: 33000979.
12. Levine RA. Somatosensory Pulsatile Tinnitus Syndrome (SSPT) Revisited. International Tinnitus Journal. 2021 Mar 1;25(1):39-45. doi: 10.5935/0946-5448.2021009. PMID: 34410078.
