Dass Dry Needling eine wirksame Methode zur Behandlung von Muskelschmerzen und Verspannungen ist, ist bekannt. Die meisten meiner Patient:innen kommen deshalb in meine Praxis. Doch Dry Needling ist mehr als das und kann bereits sinnvoll sein, bevor etwas wehtut. Nämlich dann, wenn die Leistung sinkt und Verletzungen drohen.
Leistung bricht selten plötzlich ein
Den Körper frei bewegen zu können, ist Teil eines gesunden Lebens und gesunde Bewegung zeichnet sich durch Variabilität aus. Kraftentfaltung, Timing und Koordination, alles greift ineinander. Unser Organismus kompensiert viel und trotzdem kommt es vor, dass kleinste Veränderungen in unseren Bewegungen spürbar werden. Vor allem im Hochleistungsbereich sind funktionelle Veränderungen lange Zeit still und der Körper arbeitet ineffizient aber schmerzfrei. Das mag bei einem ruhigen Alltag nicht stark ins Gewicht fallen, aber in einem leistungsorientierten Setting ist genau das entscheidend und vielleicht der Grund, warum dir die Konkurrenz immer einen Schritt voraus scheint.
Schlafende Triggerpunkte, waches Nervensystem
Latente, „schlafende“ Triggerpunkte schmerzen nur, wenn man sie „weckt“, z. B. durch Dehnen oder Anspannen. Dahinter steckt die eingeschränkte Energieversorgung des Muskels, die den Triggerpunkt begleitet (19). Triggerpunkte erzeugen eine Art „Hintergrundrauschen“. Ein Dauerfeuer kleinster Nerven hält die Muskelfasern dauerhaft aktiv, Kraftentwicklung, Koordination und Beweglichkeit gehen zurück (4, 8, 12, 15). Man kann sagen, sie verändern die Arbeitsweise des Muskels auf schmerzfreie Art.
Parallel wirkt ein zweiter Faktor: Schmerzantizipation.
Vielleicht hast du nach einer Verletzungspause wieder mit dem Sport angefangen und nun steht die Übung auf dem Plan, bei der du dich verletzt hattest. Dein Nervensystem schaltet jetzt in einen Schutzmodus, eine an sich smarte biologische Strategie, die dir bei Verletzungen hilft, die Heilung nicht zu behindern. Nur wenn dein Beschützer überprotektiv wird, steht er dir im Weg.
Bereits das Erwarten einer schmerzhaften Bewegung lässt deine Muskeln anders anspringen und drückt die Performance (21). Die Wirbelsäule scheint „steifer“ und die Kraftentwicklung der Muskeln wird träger (3, 17). Um das auszugleichen, werden andere Muskeln mitaktiviert, was zusätzlich Energie kostet und Bewegungen weniger flexibel (11) macht. Sie werden kontrollierter, härter und weniger fließend. Die Leichtigkeit geht verloren, nicht dramatisch, aber spürbar und umso mehr, wenn du damit schon Erfahrungen machen musstest.
Steigendes Verletzungsrisiko
Gesunde Bewegung ist variabel (10, 20). Muskeln passen sich ständig an äußere und innere Begebenheiten an, arbeiten idealerweise ökonomisch und verteilen Belastungen dynamisch. Wenn sie ermüden, verschwimmt die Bewegung. Wir eiern herum und die Muskeln zittern, das ist normal. Durch die hohe Grundspannung im Schutzmodus wird das System nun zwar stabiler, dafür aber weniger anpassungsfähig. Die Spielräume für Kompensation werden kleiner, weshalb immer dieselben Strukturen be- und überlastet werden. Viel Training bei knapper Regenerationszeit ist der perfekte Nährboden für Überlastungsverletzungen.
Muss ich alle schlafenden Triggerpunkte präventiv behandeln?
Nein, nicht jeder latente Triggerpunkt ist automatisch behandlungsbedürftig. Dry Needling präventiv anzuwenden bedeutet nicht, jeden einzelnen Punkt zu finden und zu nadeln. Entscheidend ist die funktionelle Relevanz.
Behandlungswürdig werden sie wenn
- messbare Leistungseinbußen bestehen
- die Bewegungsqualität eingeschränkt ist
- frühzeitige Ermüdung auftritt
- sich Überlastungssituationen häufen und daraus
- ein Teufelskreis entsteht.
Dieser beginnt mit einer zufälligen Überlastung. Entsteht daraus ein latenter Triggerpunkt, stört er die lokale Energieversorgung des Muskels. Wenn es schlecht läuft, zieht so etwas im Muskel immer wieder neue Überlastungen nach sich, und so weiter. Der Muskel gerät aus seinem inneren Takt und das System büßt an Variabilität ein.
Ich vergleiche das gerne mit einem Ruderboot, in dem nicht alles synchron läuft. Zwar wird sich das Boot trotzdem bewegen. Nur wird ein Ruderer, der dauerhaft vor allen anderen allein gegen den Widerstand des Wassers arbeiten muss, früher ermüden. Der Einsatz desjenigen, welcher sein Ruder als letztes ins Wasser taucht, verpufft.
Wie Dry Needling eingreift
Dry Needling kann diesen Kreislauf unterbrechen, in dem es die Aktivität der übererregbaren Triggerpunkte reduziert (4, 12). Die Energieversorgung des Muskels kann optimiert werden, da sich die Mikrozirkulation verbessert, was man messen und mit Ultraschall sichtbar machen kann (6, 13, 16). Da der Muskel weniger schnell ermüdet und ökonomischer haushaltet, wird er belastbarer. Dazu passt, dass, auch wenn die Ergebnisse noch nicht einheitlich sind, einige Studien Kraft- und Funktionsverbesserungen nach der Behandlung der Triggerpunkte belegen (1, 9). Kurz gesagt: Der Muskel kehrt von Daueraktivität zu einer harmonischen Funktion zurück, arbeitet ökonomischer und ermüdet später. (Mehr dazu findet ihr hier.)
Dry Needling als Teil eines Sicherheitspaket
In meiner Praxis in Berlin-Mitte ist Dry Needling kein isoliertes Tool. Manuelle Therapie und Osteopathie liefern dem Gehirn neue, sichere Informationen, lassen es schmerzhemmende Impulse senden und regulieren sein Zusammenspiel mit der Muskulatur (2, 5, 7). Wissenschaftlich fundierte Aufklärung über die Bedeutung von Schmerzen hilft dir, die Alarmbereitschaft im System herunterzufahren und hinderliche Schutzmechanismen zu lockern (14, 18).
Fazit
Ineffiziente Muskelarbeit und erhöhte Grundspannung sind oft frühe Marker einer Überlastungsentwicklung. Was heute nur etwas mehr Energie kostet, kann in einigen Wochen strukturell relevant werden. Genau dann, wenn du es am wenigsten gebrauchen kannst. Gerade jetzt, wo der Frühling vor der Tür steht, die Kilometer allmählich steigen und Trainingspläne intensiver werden, lohnt sich ein nüchterner, präventiver Blick auf deine Ausgangslage.
Alles Gute und viel Erfolg!
Heiko
Dry Needling Berlin
Quellen:
1. Arias-Buría, J. L., Fernández-de-las-Peñas, C., Palacios-Ceña, M., Koppenhaver, S. L., & Salom-Moreno, J. (2015). Exercises and dry needling for subacromial pain syndrome: A randomized parallel-group trial. Journal of Pain, 16(11), 1139–1150.
2. Bialosky, J. E., Bishop, M. D., Price, D. D., Robinson, M. E., & George, S. Z. (2009). The mechanisms of manual therapy in the treatment of musculoskeletal pain: A comprehensive model. Manual Therapy, 14(5), 531–538.
3. Button, D. C., et al. (2008). The effect of stimulus anticipation on the interpolated twitch technique. Journal of Sports Science & Medicine, 7, 520–529.
4. Chen, J. T., Chung, K. C., Hou, C. R., Kuan, T. S., Chen, S. M., & Hong, C. Z. (2001). Inhibitory effect of dry needling on the spontaneous electrical activity recorded from myofascial trigger spots. American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation, 80(10), 729–735.
5. Coulter, I. D., Crawford, C., Vernon, H., Hurwitz, E. L., Khorsan, R., Booth, M. S., & Herman, P. M. (2018). Manipulation and mobilization for treating chronic low back pain: A systematic review and meta-analysis. The Spine Journal, 18(5), 866–879.
6. Dommerholt, J. (2011). Dry needling — peripheral and central considerations. Journal of Manual & Manipulative Therapy, 19(4), 223–227.
7. Franke, H., Franke, J. D., & Fryer, G. (2014). Osteopathic manipulative treatment for nonspecific low back pain: A systematic review and meta-analysis. BMC Musculoskeletal Disorders, 15, 286.
8. Ge, H. Y., Arendt-Nielsen, L., Farina, D., & Madeleine, P. (2008). Latent myofascial trigger points are associated with central sensitization. Journal of Pain, 9(7), 608–616.
9. Halle, J. S., Halle, R. J., & Pertzborn, D. (2004). Dry needling and the improvement of muscular strength. Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy, 34(5), A63.
10. Hamill, J., van Emmerik, R. E. A., Heiderscheit, B. C., & Li, L. (2012). A dynamical systems approach to lower extremity running injuries. Clinical Biomechanics, 27(4), 297–303.
11. Hodges, P. W., & Tucker, K. (2011). Moving differently in pain: A new theory to explain the adaptation to pain. Pain, 152(3 Suppl), S90–S98.
12. Hong, C. Z. (1994). Lidocaine injection versus dry needling to myofascial trigger point. American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation, 73(4), 256–263.
13. Kubo, K., Kanehisa, H., & Fukunaga, T. (2008). Effects of trigger point release on muscle blood volume and oxygenation.European Journal of Applied Physiology, 102, 123–128.
14. Louw, A., Diener, I., Butler, D. S., & Puentedura, E. J. (2011). The effect of neuroscience education on pain, disability, anxiety, and stress in chronic musculoskeletal pain. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 92(12), 2041–2056.
15. Lucas, N., Macaskill, P., Irwig, L., Moran, R., & Bogduk, N. (2009). Reliability of physical examination for diagnosis of myofascial trigger points. Clinical Journal of Pain, 25(1), 80–89.
16. Morikawa, Y., et al. (2017). Changes in muscle blood flow after dry needling assessed with ultrasound imaging. Journal of Bodywork and Movement Therapies, 21(3), 604–610.
17. Moseley, G. L. (2004). Does anticipation of back pain predispose to back trouble? Brain, 127(10), 2339–2347.
18. Moseley, G. L., & Butler, D. S. (2015). Fifteen years of explaining pain: The past, present, and future. The Journal of Pain, 16(9), 807–813.
19. Shah, J. P., et al. (2008). Biochemicals associated with pain and inflammation in myofascial trigger points. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation, 89(1), 16–23.
20. Stergiou, N., & Decker, L. M. (2011). Human movement variability. Human Movement Science, 30(5), 869–888.
21. Tucker, K., Butler, J. E., Graven-Nielsen, T., Riek, S., & Hodges, P. W. (2012). Motor unit recruitment strategies are altered during anticipation of pain. Journal of Neuroscience, 32(29), 10171–10179.
