Ein Krankheitsbild, das mir in der Praxis in den letzten Jahren immer häufiger begegnet, auch wenn es nicht immer der Hauptgrund für den Besuch ist, sind Beschwerden im Kiefergelenk und der Kaumuskulatur. Die kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD), also eine Funktionsstörung, die sich zwischen Kopf und Unterkiefer abspielt, zählt zu den häufigsten Schmerzsyndromen im Gesichtsbereich. Sie betrifft rund 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung (1) und mehr als ein Drittel entwickelt im Laufe des Lebens deren klassische Symptome wie eine eingeschränkte Mundöffnung, Knackgeräusche, Tinnitus, Schmerzen im Kiefergelenk und beim Kauen (2).
Bei der Entstehung der CMD spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zwar denkt man zuerst an die Position der Zähne und – man ahnt es – eine ungünstige Körperhaltung, wie sie bei der Büroarbeit auftreten kann. Doch auch psychische Belastungen wie Stress und Ängste, ausgelöst durch persönliche oder gesellschaftliche Krisen, können Ausgangspunkt einer CMD sein (3, 4).
Muskuläre Triggerpunkte bei CMD
Die Muskulatur des Kiefergelenks steht als dominierende Ursache im Zentrum des Schmerzerlebens (5). Betroffene, die neben einer Störung des Kiefergelenks selbst (z. B. eine immer wieder auftretende Einklemmung der kleinen Knorpelscheibe im Gelenkinneren) zusätzlich triggerpunktbezogene Schmerzen der Kaumuskulatur haben, fühlen sich generell stärker durch den Schmerz beeinträchtigt und knirschen oder pressen auch tagsüber mehr mit den Zähnen, als Menschen ohne zusätzliche Muskelproblematik (6).
Konkret: Muskuläre Faktoren – allen voran Triggerpunkte – sind keine Begleiterscheinung, sondern zentrale Verstärker des Schmerzgeschehens bei CMD, welche die Aktivität und Reaktionsfreudigkeit der „Schmerzfasern“ unseres Nervensystems steigern. Und das scheint letztlich auch für das Zähneknirschen verantwortlich zu sein.
Interessanterweise müssen die Triggerpunkte dazu noch nicht einmal allein in den Kiefermuskeln selbst liegen. Stattdessen findet man meist zahlreiche aktive Triggerpunkte in der Nacken- und Halsmuskulatur, welche die typischen Beschwerden im Kiefergelenk erzeugen und beeinflussen. Dass die schmerzhaften Bereiche des Körpers bei CMD-Betroffenen größer zu sein scheinen als bei Gesunden, ist belegt. Auch das ist eine Folge der fortschreitenden Sensibilisierung der Schmerzfasern (7). Und so entwickelt sich das eigentliche Kieferproblem schnell zu einem Schulter-Nacken-Kopf-Problem oder umgekehrt.
Für mich sind die Triggerpunkte in der Muskulatur daher das primäre Behandlungsziel bei CMD und genau hier setze ich mit dem Dry Needling an.
Dry Needling als evidenzbasierte Behandlungsoption bei CMD
Eine aktuelle, groß angelegte Untersuchung (8) fasste erst kürzlich die wissenschaftlich soliden Erkenntnisse aus fast 25 Jahren Forschung zum Einsatz von Dry Needling bei CMD zusammen und bestätigte dessen Wirksamkeit. Weitere Ergebnisse zeigen, dass Dry Needling direkt nach der Behandlung zu vielfältigen Verbesserungen führen (10) und effektiver sein kann, als ein Placebo (12, 13, 14) oder frei verfügbare Schmerzmittel wie Paracetamol (15) und Diclofenac (16).
Neben der deutlichen Schmerzreduktion und Vergrößerung der Mundöffnung, kann Dry Needling den Sauerstoffgehalt der behandelten Muskulatur erhöhen (9) und einen bestehenden Tinnitus lindern (11).
Besonders beeindruckt hat mich, dass Dry Needling, wenn es mit einer manuellen Behandlung der Halswirbelsäule kombiniert wird, die klassische Aufbissschiene unnötig machen kann. In einer großen Untersuchung (16) erzielten CMD-Patienten, die Dry Needling und eine gezielte, manuelle Behandlung der Halswirbelsäule erhielten (z. B. Osteopathie), deutlich stärkere Verbesserungen bei Schmerz und Kieferbeweglichkeit als jene, die eine Aufbissschiene, Schmerzmittel und Gelenkmobilisation bekamen.
Der Grund ist plausibel: Während Aufbissschienen hauptsächlich symptomatisch entlasten, greift Dry Needling direkt die Schmerzquelle im Muskel an. Dry Needling punktet also mit
- schnellerer Schmerzreduktion,
- größerer Verbesserung der Mundöffnung
- direkterer muskulärer Wirkung
- besserer Reduktion der Druckempfindlichkeit
Natürlich bleibt eine Zahnschiene grundsätzlich sinnvoll, da sie den kostbaren Zahnschmelz vor den direkten Auswirkungen des nächtlichen Knirschens (Bruxismus) schützt, bei dem beträchtliche Kräfte entfaltet werden und das Kiefergelenk selbst entlastet. Aber vor allem für Patient*innen, die das Tragen der Schiene als äußerst unangenehm empfinden, diese ständig vergessen, Schienen regelrecht nacheinander „durchkauen“ oder dazu neigen, sie im Schlaf auszuspucken, stellt Dry Needling eine mehr als lohnende Behandlungsoption dar.
Fazit: Dry Needling gehört in jede CMD-Behandlung
Dry Needling bei CMD in einen umfassenden, ganzheitlichen Behandlungsplan einzubetten, ist besonders vorteilhaft, sicher und ermöglicht signifikante Verbesserungen (17, 18, 19). Mit dem heutigen Wissensstand führt bei der Behandlung der CMD also kein Weg mehr am Dry Needling vorbei.
Heiko
dryneedlingberlin
Quellen:
1. Manfredini D et al. Epidemiology of temporomandibular disorders: a systematic review of the literature. J Oral Rehabil. 2010;37(10): 785–802.
2. Slade GD et al. Prevalence and incidence of temporomandibular disorders in the OPPERA prospective cohort study. J Pain. 2013;14(12 Suppl):T83–T90.
3. R.J.M. Gray, S.J. Davies, A.A. Quayle. A clinical guide to temporomandibular disorders. BDJ Books, London (1997), 1–43.
4. Minervini G, Franco R, Marrapodi MM, Crimi S, Badnjević A, Cervino G, Bianchi A, Cicciù M. Correlation between Temporomandibular Disorders (TMD) and Posture Evaluated trough the Diagnostic Criteria for Temporomandibular Disorders (DC/TMD): A Systematic Review with Meta- Analysis. J Clin Med. 2023 Apr 2;12(7):2652. doi: 10.3390/jcm12072652. PMID: 37048735; PMCID: PMC10095000.
5. D. Simons, J.G. Travell, L. Simons. Myofascial Pain and Dysfunction. The Trigger Point Manual, Vol. 1. Williams and Wilkins, Baltimore (1999).
6. Korkmaz MD, Karacay BC. Do myofascial trigger points in masseter muscles affect the symptoms of disc displacement with reduction? A cross-sectional study. Rev Assoc Med Bras (1992). 2023 Nov 13;69(12):e20230622. doi: 10.1590/1806-9282.20230622.
7. Fernández-de-Las-Peñas C, Galán-Del-Río F, Alonso-Blanco C, Jiménez-García R, Arendt-Nielsen L, Svensson P. Referred pain from muscle trigger points in the masticatory and neck-shoulder musculature in women with temporomandibular disoders. J Pain. 2010 Dec;11(12):1295-304. doi: 10.1016/j.jpain.2010.03.005. Epub 2010 May 21. PMID: 20494623.
8. Khayamzadeh M, Razmara F, Tavassoli A. Dry Needling in Treatment of Temporomandibular Joint Disorders: A Systematic Review. Clin Exp Dent Res. 2025 Oct;11(5):e70214. doi: 10.1002/ cre2.70214. PMID: 40917038; PMCID: PMC12415702.
9. Macedo CF, Sonza A, Puel AN, Santos ARD. Trigger point dry needling increases masseter muscle oxygenation in patients with temporomandibular disorder. J Appl Oral Sci. 2023 Aug 25;31:e20230099.
10. Blasco-Bonora PM, Martín-Pintado-Zugasti A. Effects of myofascial trigger point dry needling in patients with sleep bruxism and temporomandibular disorders: a prospective case series. Acupunct Med. 2017 Mar;35(1):69-74.
11. Sirikaku K, Watinaga GK, de Souza Moraes S, Guimarães TB, Onishi ET. Effect of Dry Needling on the Masseter Muscle in the Tinnitus Perception of Patients with Temporomandibular Disorder. J Maxillofac Oral Surg. 2023 Sep;22(3):571-578. doi: 10.1007/s12663-022-01696-4. Epub 2022 Feb 28. PMID: 37534338; PMCID: PMC10390393.
12. Fernández-Carnero J, La Touche R, Ortega-Santiago R, Galan-del-Rio F, Pesquera J, Ge HY, Fernández-de-Las-Peñas C. Short-term effects of dry needling of active myofascial trigger points in the masseter muscle in patients with temporomandibular disorders. J Orofac Pain. 2010 Winter;24(1):106-12.
13. Itoh K, Asai S, Ohyabu H, Imai K, Kitakoji H. Effects of Trigger Point Acupuncture Treatment on Temporomandibular Disorders: A Preliminary Randomized Clinical Trial. Journal of Acupuncture and Meridian Studies 5 (2), 57-62.
14. Lopez-Martos R, Gonzalez-Perez LM, Ruiz-Canela-Mendez P, Urresti-Lopez FJ, Gutierrez-Perez JL, Infante-Cossio P. Randomized, double-blind study comparing percutaneous electrolysis and dry needling for the management of temporomandibular myofascial pain. Med Oral Patol Oral Cir Bucal. 2018 Jul 1;23 (4):e454-62.
15. Gonzalez-Perez LM, Infante-Cossio P, Granados-Nunez M, Urresti-Lopez FJ, Lopez-Martos R, Ruiz-Canela-Mendez P. Deep dry needling of trigger points located in the lateral pterygoid muscle: Efficacy and safety of treatment for management of myofascial pain and temporomandibular dysfunction. Med Oral Patol Oral Cir Bucal. 2015 May 1;20(3):e326-33. doi: 10.4317/ medoral.20384. PMID: 25662558; PMCID: PMC4464920.
16. Dunning J, Butts R, Bliton P, Vathrakokoilis K, Smith G, Lineberger C, Eshleman N, Fernández-de- Las-Peñas C, Young IA. Dry needling and upper cervical spinal manipulation in patients with temporomandibular disorder: A multi-center randomized clinical trial. Cranio. 2024 Nov;42(6):809-822. doi: 10.1080/08869634.2022.2062137. Epub 2022 Apr 12. PMID: 35412448.
17. Fernández-de-Las-Peñas C, Nijs J. Trigger point dry needling for the treatment of myofascial pain syndrome: current perspectives within a pain neuroscience paradigm. J Pain Res. 2019 Jun 18;12:1899-1911. doi: 10.2147/JPR.S154728. PMID: 31354339; PMCID: PMC6590623.
18. González-Iglesias J, Cleland JA, Neto F, Hall T, Fernández-de-las-Peñas C. Mobilization with movement, thoracic spine manipulation, and dry needling for the management of temporomandibular disorder: a prospective case series. Physiother Theory Pract. 2013 Nov;29(8):586-95. doi: 10.3109/09593985.2013.783895. Epub 2013 May 20. PMID: 23687913.
19. Nowak Z, Chęciński M, Nitecka-Buchta A, Bulanda S, Ilczuk-Rypuła D, Postek-Stefańska L, Baron S. Intramuscular Injections and Dry Needling within Masticatory Muscles in Management of Myofascial Pain. Systematic Review of Clinical Trials. Int J Environ Res Public Health. 2021 Sep 10;18(18):9552. doi: 10.3390/ijerph18189552. PMID: 34574476; PMCID: PMC8465617.
